RechtsWISSENSCHAFT? Ein Aufruf für eine (andere) Studienreform

In den letzten Jahren gab es immer wieder Diskussionen über eine Reform der universitären juristischen Ausbildung. Auf der Justizminister*innen-Konferenz der Länder im Herbst 2016 gab es erstmals konkretere Ansätze dafür.

Neben inhaltlichen Änderungen im Pflichtfachstoff beinhaltet die Reform eine Vereinheitlichung und Kürzung des Schwerpunktbereiches. Demnach sollen die Schwerpunktnoten nur noch 20 anstatt 30 % der Note des ersten Staatsexamens ausmachen. Außerdem soll die Anzahl der Semesterwochenstunden des Schwerpunktbereichs von 16 auf 10-14 Stunden gesenkt werden. Zudem sollen die Schwerpunktthemen im gesamten Bundesgebiet vereinheitlicht werden.

Begründet wird dies mit einer großen Arbeitsbelastung der Universitäten durch die Organisation der Schwerpunktveranstaltungen, aber vor Allem mit der fehlenden Vergleichbarkeit der Schwerpunktprüfungen an den verschiedenen Universitäten. Eine Vereinheitlichung müsse zumindest hinsichtlich der Art und des Umfangs der Leistungsnachweise erfolgen, heißt es. Wir fragen uns in Anbetracht dieser Pläne der Minister*innen, ob unser
Studiengang die Bezeichnung RechtsWISSENSCHAFT überhaupt noch verdient hat.

Wissenschaft kann nicht in möglichst effektiver Vorbereitung auf die Zwischenprüfung in Vorlesungen und AG`s liegen, die sich nur auf das Vermitteln juristischer Methoden konzentrieren. Zu einem wissenschaftlichen
Studium gehört für uns mehr, als Fälle zu lösen, Streitstände stumpf auswendig zu lernen und sich blind nach der gerade geltenden BGH-Rechtsprechung zu richten. Mit einem so stark verkürzten Schwerpunktbereich wäre das Jurastudium nicht viel mehr als das.

In der Diskussion um die Reform werden die immensen Vorteile der Schwerpunktbereiche gegenüber den vermeintlichen Nachteilen völlig außer Acht gelassen: Studierende setzen sich über ein Jahr mit einem Rechtsgebiet auseinander und erarbeiten sich in Seminararbeiten eigene Standpunkte zu speziellen Rechtsfragen. Eine höhere Motivation der Studierenden für den selbst gewählten Schwerpunkt führt oft zu qualitativ hochwertiger und engagierter Arbeit und damit zu besseren (Prüfungs-)Ergebnissen. Der Schwerpunkt bietet den Studierenden außerdem erstmals die Möglichkeit, sich mit einem Rechtsgebiet so intensiv auseinanderzusetzen, wie es im späteren Berufsleben erwartet wird. Gerade vor dem Hintergrund der Kritik des Wissenschaftsrates, das Jurastudium genüge den wissenschaftlichen Standards nicht, darf die Reflexion des Rechts im Studium nicht weiter abgebaut werden. Vielmehr sollte den Studierenden neben den juristischen
Methoden auch ein Umgang mit Recht im gesellschaftlichen Kontext vermittelt werden.

Unter dem Aspekt, dass ein Großteil der Jura-Studierenden schon zur Vorbereitung im staatlichen Pflichtfachbereich nicht auf universitäre Angebote vertrauen und sich an private Repetitor*innen wenden, zeigt sich, dass die universitäre Jurist*innen-Ausbildung definitiv reformbedürftig ist, allerdings nicht in dem Sinne, wie von der Justiz-Minister*innen-Konferenz
geplant.

Aus diesen Gründen fordern wir nicht nur, den Schwerpunktbereich beizubehalten und von einer Vereinheitlichungen abzusehen, sondern dessen Erweiterung. Außerdem fordern wir eine Ausweitung der universitären Vorbereitung auf das erste Staatsexamen, die es allen Studierenden ermöglicht, dass 1.Staatsexamen zu absolvieren, ohne private Repetitor*innen
bezahlen zu müssen. Des Weiteren fordern wir, dass Studierenden an künftigen Reformen eine Teilhabemöglichkeit gesichert wird.

Im Mai 2017 werden die Dekaninnen und Dekane der rechtswissenschaftlichen Fakultäten aus dem ganzen Bundesgebiet von der Justizminister*innen-Konferenz angehört. An unseren Dekan heranzutreten und unsere Bedürfnisse mitzuteilen und einzufordern ist die einzige Möglichkeit, an dieser Reform teilzuhaben.

weitere Statements dazu:
http://www.vdj.de/mitteilungen/nachrichten/nachricht/vdj-mitgliederversammlung-arbeitsrecht-muss-pruefungsstoff-bleiben/
https://www.djb.de/Kom-u-AS/K1/st16-25/
http://www.fsr-rechtswissenschaft.de/positionspapier-demo

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